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ÜBERSICHT

Kolumne für die Backnanger Kreiszeitung und Murrhardter Zeitung am 19. August 2011

  Eine Mauer gegen die Freiheit  

 

Freiheit ist nicht alles, doch ohne Freiheit ist alles nichts. Und wie kaum ein anderer Tag der deutschen Geschichte  führt uns der 13. August 1961 vor Augen, wie kostbar dieses Gut in Wahrheit ist, das uns allen viel zu oft wie etwas scheinbar selbstverständliches erscheint. Als vor fünfzig Jahren die Führung der DDR trotz aller Beteuerungen Walter Ulbrichts, niemand habe die Absicht eine Mauer zu bauen,  Berlin im Herzen spaltete, war dies ein Ereignis von welthistorischer Bedeutung. Mit dem Bau der Berliner Mauer wurde die Teilung Deutschlands für die ganze Welt sichtbar zementiert. Doch fernab von all der großen Politik bedeutete dieser Tag für unzählige Menschen auf beiden Seiten der Mauer einen tiefen persönlichen Einschnitt. Wir alle kennen die persönlichen Tragödien, die sich damals ereigneten aus den Erzählungen von Verwandten, Bekannten oder auch aus den Augenzeugenberichten hier in dieser Zeitung. Familien wurden auseinander gerissen, - wie auch meine Verwandtschaft -, Liebende getrennt und zurück blieb eine klaffende Wunde in der Mitte der Stadt. Der Versuch der SED-Diktatur, mit Beton, Stacheldraht und Schießbefehl die Abwanderung der Menschen in die Bundesrepublik zu stoppen, führte nur vor Augen, wie unmenschlich dieses System in seinem Kern war. Denn die „Abstimmung mit den Füßen" ihrer Bürger war ein deutliches Signal gegen Unterdrückung, Unfreiheit und schlechte Lebensbedingungen in der DDR. In diesen Tagen gedenken wir des Mauerbaus, der den Menschen in Ostdeutschland für lange Zeit die Freiheit genommen hat. Und wir gedenken ganz besonders der vielen Frauen und Männer, die in Sehnsucht nach Freiheit an der innerdeutschen Grenze ihr Leben lassen mussten. Ihr Schicksal ist uns eine Mahnung. Weder in Deutschland noch irgendwo sonst auf der Welt darf der Wille der Menschen zur Freiheit gewaltsam unterdrückt werden. Der Bau der Mauer brachte auch für uns Sozialdemokraten einschneidende Veränderungen mit sich. Die SPD schloss ihre letzten Kreisverbände im Osten Berlins mit über 5000 Mitgliedern, die tapfer der Zwangsvereinigung zur SED getrotzt hatten, um sie vor dem Druck und der Drangsalierung durch die Staatssicherheit zu schützen. Und wie die mutige Neugründung der Sozialdemokratie in der DDR im Oktober 1989 das Machtmonopol der Staatspartei SED endgültig beendete, so war es die Entspannungspolitik Willy Brandts, die  in kleinen Schritten mit dafür gesorgt hat, dass sich die beiden Teile Deutschlands nicht völlig entfremdeten  und sich nach und nach kleine Risse in der Mauer bildeten. Wir Deutsche haben allen Grund behutsam mit unserer Geschichte umzugehen. Doch wir können aus vollen Herzen stolz darauf sein, was 28 Jahre nach der Errichtung dieses Bollwerk gegen die Freiheit geschah. Begleitet durch die kontinuierliche Politik der Versöhnung Willy Brandts und die Kraft des Aufbruches ist es den Menschen in der damaligen DDR gelungen, was zuvor noch kein Volk geschafft hat: Eine friedliche Revolution brachte die Mauer zum Einsturz und hat die Einheit Deutschlands in Frieden und Freiheit ermöglicht. Wo einst die Unterdrückung der Freiheit mit den Händen greifbar war,  stehen heute die Reste der Mauer als ein Denkmal trauriger Geschichte und das Zeichen der überwundenen Teilung. Und noch heute sind die Worte Willy Brands unvergessen, die er am 10. November 1989 angesichts dieses Triumphs der Freiheit über die Unterdrückung vor dem Rathaus Schöneberg, seinem ehemaligen Amtssitz als Regierender Bürgermeister von Berlin, an Tausende Menschen aus Ost und West richtete: „Und jetzt erleben wir, und das ist etwas Großes - und ich bin dem Herrgott dankbar dafür, dass ich dies miterleben darf - wir erleben, dass die Teile Europas wieder zusammenwachsen."