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Kolumne Backnanger Kreiszeitung und Murrhardter Zeitung vom 29.10.2010
Hermann Scheers Ideen leben weiter
Ich habe Hermann Scheer gut gekannt. Er hat mir 1982, als ich gerade frisch in die
SPD eingetreten war, feierlich das Parteibuch überreicht.Später gab er mir die Möglichkeit während eines
Praktikums in Bonn Bundestagsluft zu schnuppern. In dieser Zeit lernte ich
Hermann Scheer auch als Mensch schätzen, wohnte ich doch währenddessen bei ihm
und seiner Familie. Später verbanden uns auch gemeinsame politische Projekte.So haben wir in der Zeit der Großen Koalition in
Baden-Württemberg in verteilten Rollen gemeinsam das Bauen im Außenbereich für
alternative Energien mit Kohle und Atom gleichgestellt. Er organisierte die Mehrheit im Bundestag, ich in meiner damaligen Funktion jene im Bundesrat. Umso mehr bin ich bestürzt und
erschüttert über den plötzlichen Tod von Hermann Scheer. Ich trauere um ihn mit seiner Familie. Mit Hermann Scheer verlieren wir eine herausragende Persönlichkeit, einen großen Intellektuellen der Sozialdemokratie, einen streitbaren Parlamentarier. Der Verlust von Hermann
Scheer reißt eine Lücke. In der Sozialdemokratie, in seinem Waiblinger Wahlkreis,
aber insbesondere bei den vielen Menschen, die er wie nur wenige andere
begeistern und überzeugen konnte. Hermann Scheer war eine beeindruckende
Persönlichkeit, ein Idealist im besten Sinne. Er war der Vater des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, das zu
einer Erfolgsstory wurde und auf das er zu Recht stolz war. Er war ein weltweit renommierter und geachteter Vorkämpfer für Ökologie, Nachhaltigkeit
und soziale Gerechtigkeit. Er wird der Sozialdemokratie in Deutschland sehr fehlen. Hermann Scheer hat sehr
viel früher als viele andere erkannt,
dass eine Fortführung der derzeitigen Art des Energieverbrauchs eine
Katastrophe für die Umwelt und die
Menschheit bedeuten würde. Nicht umsonst erhielt er für sein Engagement zahlreiche
internationale Auszeichnungen, darunter den Weltsolarpreis 1998. Ein Jahr später wurde er mit dem
Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.
Vom amerikanischen „Time Magazine" wurde Scheer als „Hero for the Green Century" (Held des grünen Jahrhunderts) ausgezeichnet. Wenn also der Direktor der Stiftung
"Right Livelihood Award", die den Alternativen Nobelpreis vergibt,
Ole von Uexküll, betont, dass nur wenige Menschen "mehr für die
Zukunft unseres Planeten getan" haben als Hermann Scheer, so übertreibt
er keineswegs. Unsere Aufgabe ist es nun, seine Ideen
weiterzutragen und mit Leben zu füllen. Er
hat seine Pläne und Vorstellungen zuletzt in dem Buch „Der energethische Imperativ" formuliert, das
wenige Tage vor seinem Tod erschienen ist und das er mir noch vor wenigen
Wochen mit persönlicher Widmung geschenkt und zum Lesen empfohlen hat. Darin
stellte er sich die Frage, wie und bis wann der Wechsel zu erneuerbaren
Energien realisiert werden kann. Seine Antwort:
„Meine Überzeugung ist, dass dieser Wechsel schneller realisiert werden kann, wenn wir alle dafür notwendigen Kräfte
mobilisieren". Und zwar „im Zeitraum etwa eines Vierteljahrhunderts - weltweit,
in einigen Ländern und Regionen auch schon früher". Deutlich wird dabei, dass
der Energiewechsel sowohl eine energetische als eine ethische Herausforderung
ist. Für uns ergibt sich daraus eine Aufforderung zu handeln. Dieser energethische Imperativ ist
Hermann Scheers Vermächtnis. Hermann
Scheer hat uns in seinem Wirken gezeigt, dass es sich lohnt, für
die Sache, die er als Menschheitsfrage erkannt hatte, zu kämpfen. Hermann Scheers erneuerbare Ressource war
der Mut. Tun wir es ihm gleich. Hermann
Scheers Ideen leben weiter - lassen wir sie Wirklichkeit werden.
Ihr Christian Lange