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Kolumne BKZ und Murrhardter Zeitung vom 06.08.2010
Deutschland einig Vaterland?
Wir haben uns beinahe schon an die Bilder gewöhnt und doch wären sie noch vor wenigen Jahren unvorstellbar gewesen. Millionen Menschen aller Generationen, mit Wurzeln in aller Herren Länder feiern in Schwarz- Rot- Gold gehüllt friedlich vereint auf den Straßen der Republik. Es ist in der Tat das Bild eines neuen Deutschlands, das sich im strahlenden Sonnenschein während Fußballwelt- und Europameisterschaften offenbart. Wir sehen ein buntes, ein weltoffenes Deutschland. Deutscher ist nicht mehr nur derjenige, dessen Familie seit vielen Generationen hier lebt. Heute fühlen sich endlich auch viele derjenigen hier zu Hause, deren Wurzeln etwa in der Türkei, in Vietnam oder in Indien liegen. Wenn ich mich daran erinnere, welch schrecklichen Anfeindungen wir mit Rot- Grün über uns ergehen lassen mussten, als wir hierfür die politischen Weichen gestellt haben, bin ich stolz, dass wir uns auf unserem Weg nicht beirren ließen. Und ich wundere mich, dass ausgerechnet Roland Koch, der damals die Hetzkampagne startete, heute als Vorzeigekonservativer gefeiert wird. Doch so erfreulich der entspannte Umgang mit dem Thema Patriotismus auch ist, so vermag er doch Entwicklungen nicht zu überdecken, die sichtbar werden, wenn der euphorische Ausnahmezustand von EM oder WM zu Ende gehen. Denn unter der Oberfläche, auf der Menschen unabhängig von ihrer Herkunft, ihres sozialen Status oder ihres Alters miteinander feiern, erleben wir eine schleichende Entwicklung der Abschottung. Viele Bildungs- und Besitzbürger versuchen sich abzugrenzen, wie vor Jahrzehnten, und wehren sich wie etwa in Hamburg vehement gegen längeres gemeinsames Lernen ihrer Sprösslinge mit Kindern unterer Gesellschaftsschichten. Ehen von Menschen aus unterschiedlichen Bildungsmilieus werden immer seltener und auch Ressentiments gegen Migranten, Homosexuelle oder Hartz IV-Empfänger fallen auf fruchtbaren Boden. Politiker werden in eine Schublade gesteckt und zunehmend auch Demokratie und Gleichheit vor dem Gesetz nicht mehr als absolute Werte betrachtet. An die Stelle von Gemeinsinn tritt bei vielen blanker Egoismus. Und die Bundesregierung verschärft diese Entwicklung, anstatt sich gegen ein Auseinanderdriften unserer Gesellschaft einzusetzen. Schlimmer noch, sie verschärft durch ihre Politik und durch ihr Auftreten diese Tendenzen. Wer etwa die Axt an eine solidarische Gesundheitsvorsorge legt oder Reichen Steuergeschenke macht, um den Rest der Bevölkerung zu schröpfen, braucht sich nicht zu wundern, wenn der Eigensinn um sich greift. Und wer seine Regierung als verlängerten Arm potenter Lobbygruppen begreift und Regierungsämter nutzt, um seiner Umgebung gesellschaftliche, später vielleicht auch einmal geschäftliche Vorteile zu verschaffen, der braucht sich nicht zu wundern, wenn sich die Bevölkerung angewidert von der schlechtesten Bundesregierung aller Zeiten abwendet. Doch Schwarz-Gelb wird im Bund 2013 und hier in Baden- Württemberg hoffentlich schon 2011 Geschichte sein und uns allen dann ein schweres Erbe hinterlassen. Deshalb liegt es an uns allen in der Zivilgesellschaft, heute dafür zu sorgen, dass wir mehr Zusammenhalt in unserem Land erleben, nicht nur während einer WM. Denn Demokratie ist kein Zuschauersport. Oder wie es Willy Brandt in einer Regierungserklärung vor nun bald 40 Jahren formuliert hat: „Der Bürgerstaat ist nicht bequem, Demokratie braucht Leistung". Diese Worte mahnen uns alle, uns aktiv für unser Gemeinwesen einzusetzen. Hier leben wir und nur wenn wir alle uns dafür einsetzen, werden wir auch weiterhin in einem freien, offenen und demokratischen Deutschland leben.