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Kolumne BKZ vom 01.04.2010
Kuchen für mich statt Brot für die Welt?
Ostern steht vor der Tür. Die Kinder freuen sich auf die Eiersuche, viele auf den Ostergottesdienst und so mancher ist einfach nur froh, nach der harten Arbeit der letzten Wochen einige freie Tage genießen zu dürfen. Doch bei allen individuellen Unterschieden bietet die Osterzeit uns allen die Chance eine kurze Auszeit vom stressigen Alltag zu nehmen und über grundsätzliche Fragen nachzudenken. Das gilt auch für die Politik. Denn hinter all den Debatten und Aus-einandersetzungen des politischen Tagesgeschäfts steht eine Kernfrage, die wir alle gemeinsam beantworten müssen: Wie soll die Gesellschaft aussehen, in der wir leben? Wollen wir eine Gemeinschaft, in der die Starken solidarisch für die Schwachen einstehen oder glauben wir, dass an alle gedacht ist, wenn jeder an sich denkt? Solidarität oder Ellbogen, das ist hier die Frage. Ernüchternd klingt etwa die Einschätzung von Nikolaus Schneider, dem Präses der evangelischen Kirche im Rheinland, der als Nachfolger von Margot Käßmann auch als kommissarischer Ratsvorsitzender der EKD fungiert. „Aus dem solidarischen 'Brot für die Welt' ist ein sozialdarwinistisches 'Kuchen für mich' geworden." Dieser Entwicklung setzt Schneider die Botschaft seines Glaubens entgegen und verweist darauf, dass bereits in den fünf Büchern Mose des alten Testaments Ansätze zu finden sind, wie Gerechtigkeit gegenüber unseren Mitmenschen geübt werden kann. So ermahnt das zweite Buch Mose dazu, faire Arbeitsbedingungen selbst für Sklaven und Fremde zu schaffen, sie nicht auszubeuten und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich am Sabbat zu erholen. Auch soll das Feld alle sieben Jahre für ein Jahr brachliegen und alles was in dieser Zeit darauf wächst, den Armen gehören. Analog wird im fünften Buch Mose die Forderung aufgestellt, immer wenn sieben Jahre vergangen sind, alle Schulden zu erlassen. Nun stehen wir heute vor ungleich komplexeren Fragen, wie sich Gerechtigkeit, in unserer modernen Gesellschaft realisieren lassen kann. Und doch ist es augenfällig, dass sich bei allen Unterschieden die Themen überraschend ähneln. Auch heute brauchen wir faire Löhne und menschenwürdige Arbeitsbedingungen, auch heute brauchen wir ein Finanzsystem, das den Menschen nicht die Luft zum Atmen nimmt, sondern unserer Wirtschaft und damit uns Menschen dient. Nun sollte man meinen, dass eine Regierungskoalition, die sich selbst christlich- liberal nennt, dies weiß und dementsprechend handelt. Doch das Gegenteil ist der Fall. Bei der Union scheint das C im Namen mittlerweile eher störendes Beiwerk zu sein und die FDP ist unter Guido Westerwelle endgültig zur populistischen Polemikpartei gegen die Schwächsten unserer Gesellschaft verkommen. Wer auf dem Rücken von Hartz- IV- Empfängern von eigenen Skandalen ablenken will, hat für sich die Frage, wie unser Land in Zukunft aussehen soll, längst beantwortet: Egoistisch, rücksichtslos und gespalten. Schwarz- Gelb mag durch seine stümperhafte Regierungsarbeit an schlechte Slapsticknummern erinnern, doch dabei darf nicht vergessen werden, dass die Angriffe auf den Solidaritätsgedanken alles andere als lustig sind. Nicht umsonst veranlassten die Tiraden des FDP- Vorsitzenden den neuen Ratsvorsitzenden der EKD in einem Beitrag in der Süddeutschen Zeitung dazu, eine beißende Frage zu stellen: „Wie haltet ihr es mit der Menschenwürde?" Darüber sollten wir alle und gerade die schwarz- gelbe Bundesregierung nachdenken. Das Osterfest bietet die Gelegenheit dazu, wir sollten sie nutzen. Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien frohe Ostern, geruhsame Feiertage und uns allen, dass wir auch in Zukunft zusammen in einem solidarischen Gemeinwesen leben können.