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Kolumne BKZ und Murrhardter Zeitung vom 12.03.2010
Weg mit dem Weltfrauentag?
Wozu brauchen wir heute eigentlich noch einen Frauentag? Schließlich herrscht doch längst Gleichberechtigung, wenn sogar eine Frau im Kanzleramt residiert. Wenn Sie das am Montag anlässlich des Weltfrauentages gedacht haben, sind Sie mit Ihrer Meinung ganz sicher nicht alleine. Und doch liegen Sie völlig falsch. Ohne jeden Zweifel wurde vieles erreicht. Frauen tragen auf allen Ebenen und in allen Bereichen unserer Gesellschaft Verantwortung. Junge Frauen sind heute so gut ausgebildet wie keine Generation zuvor. Wer die Olympischen Winterspiele in Vancouver verfolgt hat, erlebte ohnehin eindrucksvoll, zu welchen Spitzenleistungen unsere Frauen fähig sind. 19 der 30 Medaillen gingen auf das Konto der Damen, sie gewannen acht der zehn Goldmedaillen und verhalfen damit Deutschland zu einem Spitzenplatz in der Nationenwertung. Wir haben also Spitzenpolitikerinnen, Spitzensportlerinnen und weibliche Superstars. Vieles von dem, was bis heute erreicht wurde, konnten sich vor 99 Jahren wohl nur wenige vorstellen. Damals, am 19. März 1911 gingen erstmals Frauen in Berlin auf die Straße, um für gleiche politische Rechte und Partizipation zu demonstrieren und beinahe ein Jahrhundert später profitieren wir alle, auch wir Männer, von den Erfolgen dieser Bewegung. Warum also noch ein Weltfrauentag? Wenn doch sogar Alice Schwarzer dafür plädiert ihn einfach abzuschaffen? Die Antwort ist einfach: Weil Deutschland dennoch bei der Gleichstellung zwischen Männern und Frauen weit zurück liegt. Armut, geringe Löhne, prekäre Beschäftigung, Nöte von Alleinerziehenden, fehlende Karrierechancen - noch immer gibt es viele Benachteiligungen für Frauen. Auch heute verdienen Frauen durchschnittlich 23% weniger als Männer- die Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit bleibt also notwendig. Und an der unsichtbaren Grenze, an die Frauen beim Aufstieg immer wieder stoßen, hat sich nichts geändert. In Spitzenpositionen der Wirtschaft sucht man weiterhin beinahe vergeblich nach Frauen. Mittlerweile unterstützt sogar der frühere BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel die Forderung nach einer Quote für Frauen in Aufsichtsräten, wie sie die SPD fordert. Was tut die Bundesregierung gegen diese Probleme? Sie ahnen es bereits, nichts. Denn obwohl es erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik eine Bundeskanzlerin gibt, ändert die Bundesregierung nichts an den Benachteiligungen, denen Frauen noch immer begegnen. Dabei gibt es kein Erkenntnisproblem. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, ein flächendeckender Mindestlohn, gleiche Aufstiegs- und Karrierechancen, mehr Frauen in Führungspositionen und Aufsichtsräten, Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen und Männer - die Konzepte liegen auf dem Tisch, die Zeit des Klagens und der freiwilligen Vereinbarungen mit der Wirtschaft ist vorbei. Es gilt, sie umzusetzen. Auch deshalb braucht es den Frauentag, um zumindest einmal im Jahr ein deutliches Signal zu senden. Doch nicht nur Alice Schwarzer will diesen Tag am liebsten abschaffen. Manche wollen die Uhr komplett zurückdrehen. So fordern etwa die bayerischen Jungliberalen die Abschaffung des Bundesgleichstellungsgesetzes, die Rücknahme aller UN-Resolutionen und Passagen in EU-Verträgen zum Gender Mainstreaming sowie das Streichen sämtlicher Quotenregelungen. Ihr Ziel: die "Knechtschaft" der Männer zu beenden. Das mag lächerlich klingen, doch es zeigt, auf welche Widerstände das Thema Gleichstellung auch heute noch stößt. Die EU-Kommissarin Viviane Reding sagte 2008, dass wir keine Gleichberechtigung haben, solange wir einen Frauentag feiern müssen. Recht hat sie. Doch genau deshalb brauchen wir ihn, denn das Ziel ist noch lange nicht erreicht.