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ÜBERSICHT

Kolumne BKZ vom 06.11.2009

Der deutsche Schicksalstag  

Der 9. November 1989 zählt zu den denkwürdigsten Tagen der deutschen Geschichte. Die Ereignisse überschlugen sich. Zunächst antwortete der damalige Sprecher des ZK der SED, Günter Schabowski, auf einer live im DDR- Fernsehen übertragenen Pressekonferenz über die neue Reiseregelung auf die Frage eines italienischen Journalisten  mit dem inzwischen historisch geworden Satz: „Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich." Als anschließend der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Walter Momper, verkündete „Alle Bürger der DDR können zu uns kommen" gab es kein Halten mehr. Die  Ost- Berliner strömten zu den Grenzübergängen und wurden von ihren Nachbarn im Westen begeistert empfangen. Der Rest ist Geschichte. Willy Brandt kommentiert die Ereignisse einen Tag später: „Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört." 28 Jahre lang teilte die Berliner Mauer unser Land. Sie  war nicht nur das markanteste Symbol für den Konflikt zwischen Ost und West, sie trennte auch Freundschaften und ganze Familien, wie etwa in meiner Familie. Dass wir in diesen Tagen nun den 20. Jahrestag ihres Falles feiern können, gehört zu den größten Errungenschaften der wechselhaften deutschen Geschichte, deren verschlungene Wege wohl kaum ein Tag so eindrucksvoll symbolisiert, wie eben dieser 9. November, an dem wir am kommenden Montag erinnern. Als am 9. November 1918 um 14 Uhr der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann an ein Fenster des Berliner Reichstages tritt und verkündet „Es lebe das Neue; es lebe die deutsche Republik!" ist das Ende der Monarchie besiegelt und die Ära der Weimarer Republik beginnt. Wie sehr diese erste deutsche Demokratie von radikalen Kräften bedroht wurde zeigt fünf Jahre später wiederum am 9.11  der Hitler-Ludendorff-Putsch, der zwar dilletantisch durchgeführt wurde und folgerichtig scheiterte, doch ein erstes international wahrgenommenes  Auftreten des Nationalsozialismus darstellte. Als auf den Tag genau 15 Jahre später in der Reichspogromnacht die Läden und Wohnungen jüdischer Menschen geplündert und zerstört, über die Hälfte aller Synagogen in Deutschland und Österreich geschändet, zerschlagen und verbrannt  werden und mehr als 1300 Menschen  ermordet wurden, war der Weg in den Totalitarismus der Nationalsozialisten bereits beschritten. Der 9. November ist für uns Deutsche also beides: ein Tag der Freude über die friedliche Revolution des Jahres 1989 und ein Tag, an dem wir  angesichts des Scheiterns der Weimarer Republik und der schrecklichen Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands in uns gehen und der Opfer gedenken. Und das ist mitnichten ein Widerspruch, denn in all seiner Mehrdeutigkeit  zeigt uns dieser Tag, dass es keine Alternative zur Demokratie gibt. Nur in ihr können wir unsere Freiheit leben und bewahren, dafür lohnt es sich zu kämpfen, das lehrt uns der 9. November. Die SPD weiß, wovon sie spricht, wenn es um den Wert der Demokratie geht. Immer wieder wurden Sozialdemokraten wegen ihrer demokratischen Überzeugungen verfolgt. Schon im Kaiserreich, dann unter dem NS-Regime und schließlich unter der SED-Diktatur bewiesen viele großen Mut. Etliche  bezahlten den Kampf für die Demokratie mit ihrem Leben. Und auch der Weg zur Einheit wurde erst dadurch  möglich, dass die Sozialdemokratie mit dem Friedensnobelpreisträger und Kanzler Willy Brandt dafür eintrat, mehr Demokratie zu wagen und mit der neuen Ostpolitik Verkrustungen im deutsch- deutschen Verhältnis aufbrach. Der deutsche Schicksalstag ist  also kein einfacher Gedenktag. Umso wichtiger ist es, an diesem Tag die Erinnerung lebendig zu halten und zu feiern, dass nach 1989 endlich zusammen wachsen konnte, was zusammen gehört.