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Kolumne BKZ und Murrhardter Zeitung am 20.03.2009
Tage der Trauer
Liebe Leserin, lieber Leser,
auch mehr als eine Woche nach dem Amoklauf von Winnenden und Wendlingen erfüllen uns die schrecklichen Ereignisse mit Entsetzen und Trauer. Wir alle stellen uns quälende Fragen und stehen doch vor einem Rätsel. Wie konnte so etwas geschehen? Wie wird aus einem unauffälligen Jungen ein kaltblütiger Mörder? Wie lassen sich solch schreckliche Taten in Zukunft verhindern? Vieles liegt im Dunkeln, doch eines ist sicher: unsere Gedanken und unser ganzes Mitgefühl sind bei den Opfern und ihren Familien und Freunden. Unsere besten Wünsche begleiten all jene, denen am 11. März Schreckliches widerfahren ist, die geliebte Menschen verloren haben und wir hoffen, dass sie auch in diesen bitteren Stunden Kraft und Trost finden mögen. Winnenden steht nun in einer traurigen Reihe mit Orten wie Jokela und Kauhajoki in Finnland, Littleton/ Colrado oder Erfurt. Schockierten uns auch damals bereits die mit diesen Ortsnamen nun für immer verbundenen Gewaltakte, so trifft uns dieser Amoklauf vor unserer Haustür direkt ins Mark und reißt uns aus der trügerischen Gewissheit, dass so etwas immer nur woanders, irgendwo weit weg passiert. Wir alle hier in der Region sind geschockt, wir haben Freunde, Bekannte oder Kollegen in Winnenden, Schwaikheim, Leutenbach oder in Weiler zum Stein. Auch zwei junge Backnangerinnen, die an der Albertville Realschule unterrichteten, sind unter den Opfern, ihren Familien gilt unser tiefempfundenes Beileid. Die Tat lässt uns alle ratlos zurück und doch suchen wir nach Wegen, um der Ratlosigkeit zu entfliehen. Dabei müssen wir uns eingestehen, dass es keine schnellen und schon gar keine einfachen Antworten gibt. So gerne sensationsgierige Boulevardmedien ihrem Publikum eine einzige Ursache, einen nicht hinterfragbaren Grund und einen klar erkennbaren Auslöser der Tat präsentieren wollen, so wenig lassen sich solche Abgründe der menschlichen Existenz in einfachen Ursache- Wirkungsmechanismen fassen. Wenn nun wieder die üblichen Verdächtigen, von der Konkurrenzgesellschaft mit ihren Verlierern über gewalttätige Filme und Computerspiele bis hin zu einem allgemeinen gesellschaftlichen Werteverlust, als eigentlicher Grund des Mordens angeführt werden, so ändert dies weder etwas an der Verantwortung des Täters für seine Tat, noch hilft es uns, das Geschehene wirklich zu verstehen. Hier würde sowohl den Medien als auch einigen meiner Kollegen mehr Zurückhaltung gut zu Gesicht stehen. Denn es ist keine Schande zuzugeben, dass man angesichts der Unvorstellbarkeit eines solchen Verbrechens selbst Ratlosigkeit verspürt, im Gegenteil. Wir werden also auch bei dieser Katastrophe keine simplen Kausalzusammenhänge finden. Vielmehr müssen wir uns aus vielen Mosaiksteinen ein Bild zusammensetzen, das uns zwar einiges zeigt, noch mehr jedoch verbirgt und uns viele Antworten schuldig bleibt. Die Politik hat nun die Verantwortung jedes einzelne Puzzlestück sorgfältig zu betrachten und zu analysieren, an welchen Stellen etwas verändert werden muss und kann, um solche Taten in Zukunft zu verhindern. Mit großem Verantwortungsbewusstsein und ohne jeden Aktionismus. Denn so fassungslos uns die schrecklichen Ereignisse auch gemacht haben, so wenig dürfen sie uns auf Dauer lähmen. Das Andenken der Opfer zu ehren heißt deshalb auch, nicht dem Hass und der Gewalt das letzte Wort zu geben, sondern die Tage der Trauer zu überwinden, um einen neuen, positiven Anfang zu setzen.
Ihr Christian Lange