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ÜBERSICHT

Kolumne BKZ vom 11.07.2008 

Kein Ausstieg vom Ausstieg – die Atomkraft ist kein Mittel gegen den Klimawandel

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

würden Sie in ein Flugzeug steigen, für das es noch  keine Landebahn gibt?
Ich auch nicht.

Umso mehr verwundert es mich, dass in der gegenwärtig geführten  Debatte gerade  die Atomenergie immer wieder als vermeintliche Lösung unserer Probleme beschworen wird.
Dabei wird von den Befürwortern eines Ausstiegs aus dem Atomausstieg verschwiegen, dass sich weder die menschheitsbedrohenden Risiken der Atomkraft noch die Frage der atomaren Endlagerung in Wohlgefallen aufgelöst haben.
Um beim Bild zu bleiben: die Kernkraftkoalition aus CDU, FDP und Kraftwerksbetreibern scheint sich also zu denken, schicken wir das Flugzeug Atomenergie eben weiter in die Luft,  landen müssen es ja dann sowieso die nachfolgenden Generationen. Sollten Sie zufälligerweise gerade an einem Wörterbuch der Politik arbeiten, hier wird Ihnen  das Fallbeispiel für unverantwortliche Politik auf dem Silbertablett serviert.
Und so werden die vermeintlichen Vorzüge der Atomenergie präsentiert, als wäre der Super- GAU von Tschernobyl niemals passiert und sich alle ein Atommülllager vor den Haustüren geradezu herbeisehnen. 
Differenzierte Auseinandersetzung mit dieser komplexen Materie?
Fehlanzeige.

Stattdessen tauft etwa CDU-Generalsekretär Pofalla die Atomkraft einfach in „Öko- Energie“ um, mit der der Klimawandel bekämpft werden soll. Doch sieht man genauer hin, so löst sich diese Behauptung in Luft auf und es bleibt stehen: die Atomkraft ist kein Mittel gegen den Klimawandel. Wir würden uns zum Klimaproblem nur noch ein gefährliches Umweltproblem einhandeln. Auch wenn die deutschen Atomkraftwerke zu den sichersten der Welt zählen, dürfen wir die Restrisiken nicht verdrängen.

Zudem bleibt die Frage „Wohin mit dem Atommüll?“ von den Befürwortern konsequent unbeantwortet. Und auch die Angewiesenheit der Atomkraftwerke auf den endlichen Rohstoff Uran, dessen Vorräte nach Schätzungen der Internationalen Atomenergiebehörde IAEO bei heutigen Marktbedingungen und Förderraten nur noch 50 bis 65 Jahre reichen werden, wird gern unter den Tisch gekehrt. Ebenso wenig verfängt der ausgelegte Köder angeblich geringerer Kosten für die Verbraucher.
So haben wir hier in Baden- Württemberg mit einem Anteil von 50% Atomstrom gegenüber einem Anteil von 30% im Rest der Republik deutschlandweit die höchsten Strompreise. Gefreut hat mich deshalb auch, dass in dieser Woche die Verbraucherschützer den Menschen reinen Wein eingeschenkt haben. Sie haben herausgefunden, dass sich eine längere Laufzeit der Kernkraftwerke  im Portemonnaie der Bundesbürger nur minimal bemerkbar machen würde.  Aus Berechnungen des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (vzbv) geht hervor, dass längere Atomlaufzeiten eine Ersparnis von gerade einmal 50 Cent pro Monat brächten. Zum Vergleich: beim Austausch einer einzigen 60-Watt-Glühbirne durch eine Energiesparlampe ließe sich bereits mehr Geld sparen. Profitieren würden nur wenige. 
Wer die Laufzeiten alter und abgeschriebener Atomkraftwerke verlängern will, gibt lediglich einigen Energien-Konzernen eine Lizenz zum Gelddrucken. Das selbe gilt auch für die Forderung nach Steuersenkungen, um die steigenden Energiepreise zu dämpfen. Dann können wir den Ölmultis das Geld auch direkt überweisen.

Stattdessen haben wir Sozialdemokraten bereits die Erhöhung des Wohngeldes durchgesetzt. Zusätzlich ist ein verbilligt angebotenes  „Energie- Existenzminimum“ denkbar. Langfristig gilt es  jedoch vor allem  Energie effizient zu nutzen und erneuerbare Energien wirtschaftlich rentabel zu produzieren.  Eines ist indes sicher: die Atomkraft ist keine Lösung, sie schafft nur viele Probleme.

Ihr Christian Lange