... zurück zur
Für die Backnanger Kreiszeitung am 2.10.2008
Aus der Krise lernen
Liebe Leserin, lieber Leser,
Die Krise an den Finanzmärkten hat die Welt verändert. Ihr Auslöser war das Platzen der US- Immobilienblase in Verbindung mit großen Ausfällen bei ungenügend gesicherten Hypothekenkrediten an Schuldner mit geringer Bonität, den so genannten „subprimes“.
Die Ursachen der Finanzkrise, deren Zeugen wir nun werden, liegen jedoch tiefer. So haben sich die Finanzmärkte weitgehend von der Realwirtschaft abgekoppelt. Auch der weitgehende Verzicht auf „Verkehrsregeln“ für weite Bereiche der Finanzwirtschaft hat zu diesem fundamentalen Marktversagen der Finanzmärkte beigetragen. Gleichzeitig geht die Erwartung der Finanzmärkte von jährlichen Renditen von über 25% auf Kosten der Substanz der Unternehmen und deren Beschäftigten und verhindert die Bildung von realem Kapital sowie Investitionen und schadet damit Wachstum und Beschäftigung. Zudem wurde die Spirale durch immer waghalsigere, hochspekulative Finanzprodukte und falsche Anreize der Bonussysteme der Banken beschleunigt. Und auch die Rolle der Ratingagenturen ist mehr als unrühmlich, hier wurde der Bock zum Gärtner gemacht. Dies alles hat dazu beigetragen, dass die originäre Rolle der Finanzmärkte, nämlich die Versorgung von Unternehmen mit Liquidität, in den Hintergrund getreten ist. Nun fragen sich auch bei uns viele Menschen, ob wir vor einem Kollaps des Weltfinanzsystems stehen, ob es zu einer globalen Wirtschaftskrise kommt und welche Auswirkungen das für den Einzelnen hat. Zunächst gilt es deshalb festzustellen: Bislang hat das internationale Krisenmanagement funktioniert. Es ist nicht zu einem Kollaps des Weltfinanzsystems gekommen. Und auch die deutschen Sparer müssen sich keine Sorgen um ihre Einlagen machen. In der Krise hat sich gezeigt, dass unser deutsches 3-Säulen-System mit Privatbanken, öffentlich-rechtlichen Banken (Sparkassen und Landesbanken) sowie Genossenschaftsbanken (Kreditgenossenschaften und genossenschaftliche Zentralbanken) im internationalen Vergleich weitgehend robust ist. Das bestätigt auch das Urteil der deutschen Aufsichtsbehörde, BaFin, die sich sicher ist, dass die Risikotragfähigkeit der deutschen Institute ausreicht, die Verluste auszugleichen und die Sicherheit der privaten Ersparnisse zu gewährleisten. Gleichzeitig kann auch Deutschland in einer globalisierten Welt nicht gänzlich von den Auswirkungen der Krise verschont bleiben. Zeitlich verschoben ist so auch eine ungünstigere Entwicklung an den Arbeitsmärkten zu erwarten (trotz der erfreulichen Zahl von nur noch knapp 3 Millionen Arbeitslosen im September), auch für den Mittelstand wird es wohl zukünftig schwerer sein, Kapital an den Märkten zu beschaffen, um neue Ideen umzusetzen. Dass es in Deutschland nicht zu einer Kreditklemme gekommen ist, haben wir vor allem den Sparkassen und Volksbanken zu verdanken. Sie bilden eine feste Säule der Stabilität, sie übernehmen vor Ort Verantwortung und wirtschaften langfristig, anstatt kurzfristig zu spekulieren. Doch auch der deutsche Bankensektor spürt die Auswirkungen der Finanzkrise. In dieser Woche hat insbesondere das Thema Hypo Real Estate die Gemüter erregt. In diesem Fall hat die Bundesregierung beschlossen, den DAX- Konzern mit einer Bürgschaft in Höhe von 26, 5 Milliarden Euro zu stützen. Um es klar zu sagen: niemand macht das gern. Denn damit sind natürlich Risiken für unseren Haushalt verbunden. Diese Garantie ist aber notwendig, um das Durchschlagen der Krise auf Deutschland zu verhindern. Wichtig ist es nun, aus dieser Krise zu lernen. Wir brauchen neue „Verkehrsregeln“, wie es Helmut Schmidt gesagt hat, an den internationalen Finanzmärkten, um derartige Entwicklungen in Zukunft zu verhindern. Dazu zähle ich eine stärkere, abgestimmte Regulierung auf internationaler Ebene. Es muss verhindert werden, dass Risiken außerhalb der Banken-Bilanzen platziert werden können. Die Banken müssen eine größere Liquiditätsvorsorge treffen. Die verantwortlichen Finanzmarktakteure müssen stärker in persönliche Haftung für ihre Geschäfte genommen werden. Das Renditestreben muss zugunsten von mehr Risikogewichtung zurückgedrängt werden. Die internationalen Gremien, wie das Forum für Finanzstabilität (FSF) und der IWF, sollten enger vernetzt werden. Spekulative Leerverkäufe müssen auf internationaler Ebene ganz verboten werden. Die Banken sollen bei Verbriefung bis zu 20 Prozent des Risikos in den eigenen Büchern halten müssen. Schließlich bedarf es einer europäischen Harmonisierung der Banken- und Finanzmarktaufsicht.