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Kolumne BKZ 25.01.2008
Nach dem Nokiagate - die Chancen der Globalisierung nutzen
Liebe Leserin, lieber Leser,
wir leben im Zeitalter der Globalisierung. Das ist keine Neuigkeit, doch die Erkenntnis trifft viele von uns dennoch scheinbar immer wieder unvorbereitet . Besonders schmerzhaft wurden uns die Mechanismen der globalisierten Wirtschaft in der vergangenen Woche durch die Entscheidung des Nokia- Konzerns, sein Werk in Bochum zu schließen, ins Gedächtnis gerufen. Ohne jeden Zweifel: die Abwanderung des Unternehmens nach Rumänien ist ein schwerer Schlag für die Beschäftigten und ihre Familien in Bochum, die jahrelang ihre ganze Kraft für das Unternehmen eingesetzt haben. Wir selbst haben hier am Standort Backnang in der Frage einer möglichen Abwanderung von Ericsson eine Vorstellung von den Ängsten in Bochum bekommen.
Glücklicherweise ist es dem Betriebsrat gemeinsam mit einer kampfbereiten Belegschaft gelungen den Forschungs- und Entwicklungsstandort Backnang zu erhalten. Rein sachlich ist die Entscheidung von Nokia nur schwer nachzuvollziehen, denn das Bochumer Werk arbeitet rentabel. Zudem sprechen hektische Standortschließungen nicht gerade für ein vorausschauendes Management. Bei aller verständlichen Empörung müssen wir dennoch die Globalisierung mit all ihren Chancen und Risiken differenziert betrachten. Es nützt nichts die Globalisierung zu verdammen, wenn gerade wir Deutschen zu ihren größten Gewinnern zählen. Denn ein großer Teil unserer Wirtschaftskraft beruht auf dem Export, hier profitieren wir überproportional von den globalisierten Märkten, zumal in der Region Stuttgart mit ihren Maschinenbau- und Automobilstandorten samt Zulieferern. Und niemand beschwerte sich in Deutschland, als 2004 die Frachttochter der Deutschen Post, DHL, entschied, ihr bisheriges Nachtdrehkreuz am Brüsseler Flughafen 2008 aufzugeben und nach Leipzig zu verlagern.
Der populistischen Versuchung dürfen Politiker also auch dann nicht erliegen, wenn das Publikum das erwartet. Die Aufgabe heißt vielmehr, reinen Wein einzuschenken. Zu dieser Wahrheit gehört es auch, dass wir dem gerade in Wahlkampfzeiten gern verbreiteten Eindruck der politischen Omnipotenz entgegen treten. Es ist eine Tatsache: die Globalisierung und der damit verbundene Standortwettbewerb schränkten die politische Handlungsfähigkeit der Nationalstaaten ein. Doch wir sind bei allem Anpassungsdruck auch nicht ohnmächtig, wir müssen unsere verbliebenen Freiräume nur sinnvoll nutzen. So sollten wir intensiv über den Vorschlag des EU-Industriekommissars Günter Verheugen nachdenken, Subventionen zur Förderung von Unternehmensansiedlungen komplett abzuschaffen, um dem von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück zu Recht kritisierten „Karawanenkapitalismus“ zu begegnen.
Denn im Moment zahlen die Steuerzahler doppelt. Zuerst, um die Unternehmen anzulocken und anschließend um nach deren Abzug die Folgen zu beseitigen. Verheugen hat deshalb völlig recht, wenn er fordert, diese Gelder besser in Bildung, Ausbildung und den Aufbau der Infrastruktur zu investieren. Dies hätte sowohl für den Einzelnen als auch für die Gemeinschaft erhebliche Vorteile. Beide würden gleichermaßen flexibler, um dadurch schneller auf neue Anforderungen reagieren zu können und hätten so bessere Möglichkeiten sich bietende Chancen in der globalen Wirtschaft zu nutzen. Dadurch würden sich auch die sozialen Verwerfungen in Folge von Standortverlagerungen verringern, da die Abhängigkeit von einzelnen Unternehmensentscheidungen sinken würde. Es ist deshalb für uns unverzichtbar, früh auf Neues zu setzen, statt uns an Altes zu klammern. Denn wir können uns auch im Zeitalter der Globalisierung behaupten, wenn wir uns für die Zukunft wappnen. Dafür müssen wir aber in eine noch bessere Ausbildung für noch mehr Menschen investieren und die Bereitschaft zeigen, uns zu bewegen und zu verändern.
Ihr Christian Lange