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Kolumne BKZ vom 29.06.2007
Das Märchen vom sauberen Atomstrom
Liebe Leserin, lieber Leser,
heute wende ich mich an Sie, um mit einem Märchen aufzuräumen: dem Märchen vom CO-freien Atomstrom. Denn als wäre der verheerende Reaktorunfall von Tschernobyl nie geschehen, wird mit dem Argument, Atomkraft sei emissionsfrei versucht, am von Rot- Grün mit großem gesellschaftlichem Rückhalt beschlossenen Atomausstieg zu rütteln. Die Strategie der Atomlobby ist schlicht und leicht durchschaubar. Da der vom Menschen verursachte Klimawandel in aller Munde ist, wird versucht, auf den Zug aufzuspringen, indem propagiert wird, Atomstrom sei klimafreundlich und könne den Treibhauseffekt aufhalten. Bei dem Versuch, die Kernkraft mit einer grünen Schleife zu versehen wird jedoch verschwiegen, welche Umweltbelastungen die Entsorgung des radioaktiven Abfalls mit sich bringt und welche Risiken Atomstrom weiterhin birgt. Denn auch wenn die deutschen Anlagen den höchsten Sicherheitsstandards entsprechen, kann ein Unfall mit schwersten Folgen auch hier nicht völlig ausgeschlossen werden. Verschwiegen wird aber auch, dass die Behauptung, Atomstrom sei frei, nicht den Tatsachen entspricht. Sie ist schlicht und ergreifend falsch.
Atomstrom hat die Atmosphäre schon immer mit Kohlendioxid belastet. Für den Abbau und die Aufbereitung des Uranerzes und die Anreicherung des spaltbaren Isotops im gewonnen Metall braucht man große Mengen an Energie aus Dieselkraftstoff und Elektrizität. Die Zeiten, in denen Erze mit bis zu 2,5 % Urangehalt oder mehr in guten Lagen abgebaut und mit umweltfreundlicher Wasserkraft angereichert werden konnten, sind außerhalb von Kanada längst vorbei. Heute werden bereits Uranlagerstätten mit einem Erzgehalt von im Durchschnitt 0,15 % erschlossen- in Olympic Dam in Australien gar mit nur einer Konzentration von 0,044 %. Für die notwendige Nachbearbeitung wird vorwiegend Strom aus Kohlekraftwerken eingesetzt. Zwischen Erzbergbau und Brennelement sind Energieaufwand und CO2-Ausstoß wichtige Faktoren. Hängt bei fossilen Energieträgern der CO2-Ausstoß vom Kohlenstoffgehalt des Mediums ab, egal ob man dieses im heimischen Kachelofen oder in Kraftwerken verbrennt, so ist Atomstrom dagegen indirekt durch Emissionen belastet, die bei den vielen Verarbeitungsschritten von der Uranerzgewinnung bis zum fertigen Brennelement freigesetzt werden. Was die Lobbygruppen und ihre politischen Unterstützer verschweigen, muss allerdings offen gesagt werden: für das Klima ist es irrelevant, ob das CO2 beim Uranabbau in Australien oder am Ort der Stromerzeugung in Europa in die Atmosphäre gelangt. Und der Energieaufwand und damit auch die Höhe der Kohlendioxid- Emission nimmt immer weiter zu. Denn die guten Uranlagerstätten sind schon weitgehend abgebaut. Zur Befriedigung des Uranbedarfs werden immer schlechtere Erzqualitäten ausgebeutet, was zu einem wachsenden Einsatz fossiler Energieträger und damit auch zu steigenden CO2-Emissionen führt. Dieser Trend wird sich fortsetzen, bis der Energieaufwand zur Gewinnung von Atomstrom höher ist als der Energieertrag. Wir brauchen jedoch Verfahren, die saubere und effiziente Energie für alle Zeiten garantieren. Atomstrom ist keine Antwort. Er ist nicht umweltfreundlich, birgt unkalkulierbare Risiken, hinterlässt große Mengen an Atommüll und belastet das Klima. Wir stehen deshalb zum Atomausstieg. Die einzige Lösung ist deshalb Energiegewinnung aus erneuerbaren Quellen.
Ihr Christian Lange