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Kolumne BKZ vom 07.07.2006
Fußballfieber und Realsatire
Liebe Leserinnen und Leser,
der Traum vom vierten Weltmeistertitel ist geplatzt, doch die Leistung von Jürgen Klinsmann und seiner Mannschaft kann nicht hoch genug bewertet werden. Das Team und ganz Deutschland hat die Welt positiv überrascht und Stereotype über den Haufen geworfen. Und ebenso wie es mein Kollege von der CDU in seiner Kolumne der vergangenen Woche beschrieben hat, freue ich mich deshalb sowohl über die sportliche Leistung unserer Mannschaft als auch über den neuen lockeren Umgang mit unseren nationalen Symbolen, der so gar nichts mehr zu tun hat, mit dem konservativen Muff vergangener Jahrzehnte. Doch als ich Norbert Barthles Beitrag gelesen habe, musste ich bei aller Übereinstimmung, an einigen Stellen schmunzeln. Insbesondere bei dem Gedanken, dass Barthle ja noch im März gern selbst ein wenig Bundestrainer spielen wollte. Damals, die deutsche Nationalmannschaft war gerade mit fliegenden Fahnen 4:1 gegen Italien untergegangen, wollte er den heute gefeierten Bundestrainer Jürgen Klinsmann noch vor den Sportausschuss zitieren. Klinsmann sollte den versammelten Abgeordneten, wie Barthle allesamt ausgewiesene Fußballexperten, einmal erklären "was Konzeption ist und wie er Weltmeister werden will", schließlich sei ja der Bund mit seinen Steuergeldern einer der größten Sponsoren der WM. Es ist schon eine interessante Vorstellung, wie der Welt- und Europameister Klinsmann von den Mitgliedern des 1.FC Bundestag ins Kreuzverhör genommen wird, ob er nun diesen oder jenen Spieler aufstellt. Man muss nicht gleich soweit gehen, wie der Fraktionsvorsitzende der Grünen, der die Idee einer Vorladung Klinsmanns mit den Worten kommentierte: "Wer Klinsi vor den Sportausschuss schleifen will hat nicht alle Tassen im Schrank. Da könnten wir ja gleich im Bundestag über die Aufstellung abstimmen". Aber herzhaft über diese Form der politischen Realsatire lachen, das darf man schon. Einen Erfolg, wenn man das so nennen möchte, konnte mein Kollege mit diesem Vorstoß immerhin verbuchen. Eine Schlagzeile in der Bildzeitung.
Gefreut habe ich mich auch, dass bei den Siegesfeiern in Berlin viele Mitbürgerinnen und Mitbürger deutsch- türkischer Herkunft am ausgelassensten gefeiert haben. Norbert Barthle hat völlig recht, wenn er sagt: "Die Menschen begreifen: 'Wir gehören zusammen, ob wir hier geboren sind oder nicht!'" Nur hätte ich mir diese Einsicht schon etwas früher gewünscht, etwa als mein Kollege die unsägliche Unterschriftenaktion gegen den Doppelpass von Roland Koch im hessischen Landtagswahlkampf verteidigte oder in den langwierigen Debatten um das Staatsbürgerschaftsrecht. Ich hoffe jedoch, dass dieses neue Zusammengehörigkeitsgefühl nicht auf das gemeinsame Jubeln beschränkt bleibt, sondern sich bei der CDU auch in praktischer Politik niederschlagen wird. Nun hat es also Jürgen Klinsmann mit seiner Mannschaft auch ohne die Hilfe des Sportausschusses geschafft. Hoffen wir, dass auch im Falle einer Niederlage im Spiel um Platz Drei niemand auf die Idee kommt, Klinsmann doch noch vor den Sportausschuss zu zitieren. Und wenn, dann höchstens, um ihm zu gratulieren.
Ihr
Christian Lange