Christian Lange MdB

Parlamentarischer Staatssekretär
beim Bundesminister der Justiz
und für Verbraucherschutz

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Kolumne BKZ und Murrhardter Zeitung vom 10.12.2010

Willy Brandt: der Vater der Einheit

Es gibt Bilder, die man nie vergisst. Sie brennen sich tief in unser kollektives Gedächtnis ein und setzen Bewegungen in Gang, die die Welt für immer verändern. So begann auch der Weg zur deutschen Einheit mit einer schlichten Geste. Doch niemand, der das Bild gesehen hat, wird es jemals wieder vergessen. Es geschah am 7. Dezember 1970. Bundeskanzler Willy Brandt besuchte das Denkmal der Helden des Ghettos, ein Ehrenmal für die Opfer des Aufstands im jüdischen Ghetto von 1943. Nachdem Brandt dort einen Kranz niedergelegt hatte, kniete er, überraschend für alle Anwesenden, aber auch für sein engstes Umfeld, auf dem nassen Boden vor dem Mahnmal nieder. Das Bild eines knienden deutschen Kanzlers, der selbst als junger Sozialdemokrat vor der Nazi-Diktatur fliehen musste, ist zu einer politischen Ikone des 20. Jahrhunderts geworden. Mit seinem Kniefall bat Willy Brandt stellvertretend für sein Land um Vergebung für die Verbrechen von Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Das war vor 40 Jahren nicht unumstritten. So schrie die christdemokratische Opposition damals laut auf und fabulierte vom  „Ausverkauf deutscher Interessen". Gar als Landesverräter musste Willy Brandt sich für seine Geste der Versöhnung diffamieren lassen. Heute gibt es keine Kontroverse mehr über den Kniefall. Nie zuvor hat ein demokratischer Staatsmann nur mit einer Geste so viel für die Versöhnung zwischen den Völkern getan. Brandt selbst begründete seinen Kniefall in der Rückschau mit einem einfachen Gefühl: „Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt." Damit symbolisierte er ein neues Deutschland, das bewusst mit seiner Vergangenheit umgeht und auf seine Nachbarn zugeht. Es war Willy Brandts Entspannungspolitik -zunächst als Berliner Bürgermeister, als Außenminister und schließlich als Kanzler der Ostpolitik -, die Schritt für Schritt die Konfrontation der verfeindeten Blöcke aufgeweicht hat und damit auch den Weg zur deutschen Einheit vorbereitet hat. Sie ließ auch in Osteuropa und der damaligen Sowjetunion das Vertrauen in ein friedfertiges und demokratisches Deutschland wachsen. Es war so, wie es Willy Brandt  in seiner ersten Regierungserklärung angekündigt hatte: Deutschland wurde durch die Entspannungspolitik der SPD „ein Volk der guten Nachbarn". Und Willy Brandt wurde zum Vater der Einheit. Er säte, was seine Nachfolger im Kanzleramt und vor allem wir Deutsche in Ost und West  1990 mit der Deutschen Einheit ernten konnten. Heute, 40 Jahre später, stehen wir vor der Frage, was uns dieses Bild des knienden Kanzlers für unsere Zeit mit auf den Weg gibt. Und die Antwort liegt in Europa. Wir haben heute die historische Aufgabe, der europäischen Idee neue Impulse zu geben. Denn wir erleben heute eine Entwicklung, in der Europa in längst überwunden geglaubte Egoismen zurück fällt. Dabei haben wir auf Dauer nur die Wahl zwischen einer weit stärkeren politischen Union, in der wir mehr tun als nur einen Währungsraum aufrechtzuerhalten, oder keiner Europäischen Union. Willy Brandts Geste kann uns hier ebenso sehr wie sein unermüdlicher Einsatz für Frieden, Freiheit und Einheit täglicher Ansporn sein. Mit Sinn für unsere Geschichte und den Blick stets in die Zukunft gerichtet. So wie es uns Willy Brandt in seiner Abschiedsrede mit auf den Weg gab: „Nichts kommt von selbst. Und nur wenig ist von Dauer. Darum - besinnt Euch auf Eure Kraft und darauf, dass jede Zeit eigene Antworten will und man auf ihrer Höhe zu sein hat, wenn Gutes bewirkt werden soll."

 

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