Christian Lange MdB

Parlamentarischer Staatssekretär
beim Bundesminister der Justiz
und für Verbraucherschutz

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Veröffentlichung vom 27. Juni 2003, „Die Welt“

Nicht nur Meister können ausbilden

Das Handwerk wird angesichts der Konkretisierung der Reformpläne zur Modernisierung der Handwerksordnung zunehmend unruhig. Zuerst versteckt, mittlerweile offen, droht das Handwerk, man werde sich aus der Aus- und Weiterbildung von jungen Nachwuchskräften zurückziehen, wenn mit dem Meisterbrief in Deutschland nicht alles beim Alten bleibe. Der Meisterbrief sei der alleinige Garant für hohe Produktqualität und hohes Ausbildungsniveau, letztlich für Wachstum und Wohlstand in Deutschland. Aber was hat denn eigentlich Deutschland groß und stark gemacht?

Made in Germany steht für Arbeitgeber wie Arbeitnehmer. Deutsche Qualität wurde und wird mit hervorragender Qualität gleichgesetzt und gerne gekauft. Aber es war nicht der Zwang zur Qualität, der Deutschland groß gemacht hat. Das Beispiel der Industrie zeigt doch, dass es auch anders geht. Nicht Zwang, sondern Wettbewerb sichert hier die hohe Produktqualität und Ausbildungsqualität der Arbeitnehmer. Es wird trotz Gewerbefreiheit aus eigenem Interesse an qualifizierten Fachkräften ausgebildet. Das ist im Handwerk letztlich ebenso. Angesichts der strukturellen Probleme des Handwerks - ausgelöst durch die Marktzugangbeschränkung durch den Meisterbrief - und des Rückgangs der Ausbildungsplätze um 13 Prozent seit einem Jahr, wäre das duale System der Berufsausbildung am Ende, wenn es allein dem Handwerk folgen würde. Das duale Ausbildungssystem ist aber auch Teil der Erfolgsstory made in Germany.

Zweifellos ist die Ausbildung im Handwerk von hoher Qualität, und zweifellos hat das Handwerk viele Jahre über seinen Bedarf hinaus ausgebildet. Das ist ein lobenswerter Einsatz. Allerdings übernimmt das Handwerk lediglich zwischen 30 und 50 Prozent der Fachkräfte nach der Ausbildung. Abhilfe tut dringend Not. Besonders bedauerlich ist, dass zwei Drittel der Betriebe der deutschen Wirtschaft nicht ausbilden, obwohl sie dies könnten! Mit der Aussetzung der Ausbildereignungsverordnung entfällt nun die Notwendigkeit, eine Ausbildereignungsprüfung abzulegen. Durch die Befristung der Aussetzung für fünf Jahre haben wir die Gelegenheit einer genauen Evaluierung der Auswirkung auf die Qualität der Ausbildung. Ziel ist es, die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe durch Abbau vermeintlicher Hindernisse zu erhöhen.

Und eins kommt hinzu, durch die Neustrukturierung der Anlage A und der Anlage B der Handwerksordnung steigt die Anzahl geregelter Ausbildungsberufe in Gewerben der Anlage B! Dies lässt eine Aktivierung der Ausbildungsleistung in weiteren Gewerben der Anlage B erwarten. Nur rund 30 Prozent aller Ausbildungsverhältnisse betreffen derzeit die Ausbildung in einem Handwerk der Anlage A. Dadurch wird deutlich, dass es keiner "Meister-Qualifikation" bedarf, um erfolgreich Gesellen bezeihungsweise Facharbeiter auszubilden, zumal die praktische Ausbildung sowieso meist durch die Gesellen erfolgt. Vergessen wir aber eines nicht: 260 Ausbildungsordnungen bestehen schon heute im nicht-handwerklichen Bereich. Auch das ist made in Germany.

Die Attraktivität einer Ausbildung im Handwerk wird außerdem erhöht, weil der Gesellenabschluss künftig in den gefahrengeneigten Gewerken, die weiter unter Meisterzwang stehen, mehr Möglichkeiten bietet. Den Gesellen werden breitere Tätigkeitsfelder eröffnet, da Vorbehaltsbereiche entfallen. Durch die erhebliche Ausweitung der Anlage B ist Selbstständigkeit ohne Erfordernis der Meister- oder Gesellenprüfung in sehr viel mehr handwerklichen Berufen möglich. Selbstständigkeit ist zudem unter den oben genannten Voraussetzungen nach zehnjähriger Gesellentätigkeit auch in Anlage-A-Berufen ohne Erfordernis einer Meisterprüfung möglich. Damit wird engagierten Gesellen eine interessante berufliche Perspektive geboten, die wir angesichts von 300 000 Betriebsübernahmen dringend brauchen. Gleichzeitig wird auch für Anlage-A-Berufe ein schnellerer Erwerb des Meistertitels möglich, der außerdem durch Meister-Bafög gefördert wird. Das Beispiel Südtirols zeigt, was passieren kann, wenn der Meisterzwang fällt: Fast über Nacht entstanden dort 1000 neue Betriebe. Seitdem stieg die Zahl der Handwerksfirmen per saldo von 12 000 auf über 13 000. Sorgen über den Niedergang des Berufsausbildungssystems erwiesen sich als unbegründet.
Made in Germany wird in Zukunft auch für das Qualitätssiegel "Meister" stehen - der Verbraucher wird es danken, damit in Deutschland wieder mehr Auszubildende, mehr Gesellen, mehr Meister und mehr Betriebe zu finden sind.

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