Christian Lange MdB

Parlamentarischer Staatssekretär
beim Bundesminister der Justiz
und für Verbraucherschutz

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Christian Lange MdB

Parlamentarischer
Staatssekretär
beim Bundesminister
der Justiz und für
Verbraucherschutz

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Veröffentlicht in WELT 18.07.2007

Vom Ende der "Neidgesellschaft"

Was in Deutschland lange Zeit für rote Köpfe sorgte, gehört in  den USA zu den  Grundlagen jedes Small Talks: die Höhe des Gehalts. Wurde hierzulande das eigene Einkommen lange Zeit wie ein Staatsgeheimnis gehütet, so musste man auf der anderen Seite des großen Teichs sein Gegenüber noch nie fragen, wie viel er eigentlich verdient. Denn spätestens nach fünf Minuten der Unterhaltung würde der Gesprächspartner voller Stolz erzählen, welchen Lohn er für seine Arbeit erhält. Über Geld zu sprechen ist in den Vereinigten Staaten kein Tabu, es ist das Normalste der Welt. Was dort Teil des amerikanischen Traums ist, ist in Skandinavien pure Selbstverständlichkeit.   Hier ist Schweden Vorreiter in Sachen Transparenz. So kann in Schweden jeder das Gesamteinkommen eines jeden Bürgers im sogenannten ?taxeringskalender? einsehen. Darin sind  alle Kapitaleinkünfte und das zu versteuernde Jahreseinkommen eines jeden Bürgers vermerkt und man kann einfach in Stockholm, Göteborg oder Helsingborg in die Buchhandlung gehen und den  Steueralmanach der jeweiligen Stadt erwerben. Das Ergebnis ist nicht jene dauerhafte Neiddebatte,  die in Deutschland stets als Schreckensszenario heraufbeschworen wird, sondern ein deutlich entspannterer Umgang mit dem Thema Geld.

Zwar ist Deutschland noch nicht soweit wie Schweden, doch auch hierzulande können wir einen allmählichen Bewußtseinswandel feststellen. So gehört etwa die Geheimniskrämerei deutscher  Konzernlenker in Bezug auf ihre Gehälter und Bezüge mittlerweile der Vergangenheit an. Denn bereits 2005 hat die rot-grüne Politik mit dem so genannten Vorstandsvergütungs-Offenlegungsgesetz dafür gesorgt, dass die Vorstände aller börsennotierten Unternehmen ihre Bezüge publizieren müssen. Auch im Gesundheitswesen haben die gesetzlich Versicherten mittlerweile die Möglichkeit einzusehen, wie viel die Vorstände ihrer Kassen im Jahr verdienen. Und das ist nur konsequent, sind es doch ihre Beiträge, die die Gehälter der Vorstandsmitglieder finanzieren. Für Beamte und Beschäftigte im öffentlichen Dienst ist Transparenz ihrer Bezüge ohnehin eine Selbstverständlichkeit. Hier reicht  ein Blick auf die Besoldungstabelle und jeder kann erfahren, wie viel sein Nachbar verdient.
Mit der Offenlegung der Nebeneinkünfte von Bundestagsabgeordneten setzen wir nun endlich auch im Parlament um, was in anderen Bereichen längst Usus ist.  Der Mentalitätswandel hat also bereits begonnen, auch wenn das vielen noch gar nicht bewusst zu sein scheint. Wir haben nun beinahe flächendeckend für Nachvollziehbarkeit gesorgt. An die Stelle der bisherigen Kultur des Schweigens tritt eine neue Kultur der Offenheit. Damit nähern wir uns internationalem Standard. Nur im privaten Sektor mangelt es unterhalb der Vorstandebene noch an  Transparenz. Gleiches gilt auch für öffentliche Betriebe. Wenn die Bezüge des Oberbürgermeisters offen gelegt sind, sollte dies auch für jene, etwa des Geschäftsführers der Stadtwerke, gelten. Doch der Druck wächst auch dort. Das Ergebnis der Offenlegung ist nicht Voyeurismus und Neid, sondern die Chance, informiert Entscheidungen zu treffen. Neiddebatten entstehen dort, wo Spekulationen Informationen ersetzen. Die Devise kann deshalb nur lauten: Das beste Mittel gegen Neid ist Transparenz. Gerade deshalb ist sie eine der wesentlichen Grundlagen der Leistungsgesellschaft. Einkommensunterschiede müssen sich im Spannungsfeld von Leistungsorientierung und sozialer Gerechtigkeit bewähren. Nur wenn sie offen auf dem Tisch liegen, können sie als sozial gerecht anerkannt werden und gesellschaftliche Legitimation erfahren. Dann wirken sie als Ansporn und als Zeichen dafür, dass Leistung sich in diesem Land lohnt. Es gibt für Bezieher hoher Einkommen nur dann einen Grund, ihre Bezüge zu verheimlichen, wenn sie selbst nicht davon überzeugt sind, dass die Höhe ihres Einkommens ihrer Leistung entspricht. Ansonsten können sie offen und selbstbewusst dazu stehen. Oder sie müssen korrigiert werden. Und zwar nach unten. Wir brauchen Menschen, die sich besonders anstrengen, davon profitieren wir am Ende alle. Die Selbstverständlichkeit, dass auch die weniger Leistungsfähigen genug zum Leben brauchen, müssen auch die Leistungsträger anerkennen und vertreten. Denn Gehalt und Lohn muss sozial verantwortet werden, nach oben wie nach unten. Die neue Offenheit ist deshalb nicht der Startschuss für eine neue Neiddebatte. Sie ist vielmehr der Anfang vom Ende der "Neidgesellschaft".

Christian Lange (43), Mitglied des Deutschen Bundestages, Sprecher des Netzwerks Berlin, Vorsitzender der SPD-Landesgruppe Baden-Württemberg.

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